Staatsrat rügt das Ministerium für Eisenbahn – Unfallursache weiter unklar

„Niemand aus Reihen der Leitung der Eisenbahnrettung hat jemals gesagt, beendet das Suchen und Retten“, verteidigte sich Lu Dongfu, der Vize Minister des Eisenbahnministeriums. Lu drehte Wens Aussage „das Ministerium verletzte mit seinen Handlungen die Gefühle der Hinterbliebenen“ um und sagte während einer Pressekonferenz, die Vorwürfe gegen das Ministerium „verletze die Gefühle der Rettungshelfer, Polizisten, Feuerwehrleuten und Ersthelfern, die am Tatort darum kämpften, Passagiere zu retten.“ Chinas Bahnministerium sitzt sich andauernden Kritikwellen ausgeliefert, weil es offenbar die Such-und Rettungsarbeiten zu voreilig eingestellt hatte, mit dem alleinigen Ziel, den Zugfahrdienst so rasch wie möglich wiederherzustellen, nachdem das Zugunglück vom 23. Juli in Wenzhou eine traurige Bilanz von 40 Todesopfern und 191 Verletzten hinterlassen hatte.

Laut früheren Berichten soll ein Polizeibeamter in Wenzhou behauptet haben, er hätte riskiert, Befehle zu verweigern, um eine weitere Suche nach Überlebenden durchzuführen, die im Auffinden der bislang letzten Überlebenden gipfelte, dem 32 Monate alten Mädchen Xiang Weiyi, die 21 Stunden nach dem Zusammenstoß der Züge gefunden wurde. Ein Sprecher des Bahnministeriums nannte das Überleben des Mädchens „ein Wunder“. Der Vizebahnminister behauptete später, die Such- und Rettungsarbeiten wären nicht vor 23.30 Uhr am 24. Juli, einen Tag nach dem Unfall, beendet worden. Bis dahin wären die Bemühungen nicht einmal gestoppt worden.

Ein Videoclip eines TV-Reporters von Xinhua hingegen, der diesen im Internet öffentlich zur Verfügung stellte, zeigte klar, wie einer der Retter vor Ort bereits am Morgen des 24. Juli vor laufenden Kameras sagte, die „Suche ist vorbei“. Als Premier Wen Jiabao letzte Woche den Unfallort besuchte, erklärte er, dass Verdachtsmomente und Zweifel angesichts des Unglücks und der Rettungsarbeiten bestünden, und forderte die Behörden auf, die öffentliche Meinung gefälligst ernst zu nehmen.

Lu gab an, die Arbeiter hätten zunächst die ersten drei Waggons entfernt, die zusammengestaucht waren, bevor mit einer „gründlichen Suche in den hinteren Waggons“ begonnen wurde. Retter hätten die kleine Xiang in einem mittleren Waggon entdeckt, nachdem bereits mehrere Leichen entfernt worden seien, so Lu. Außerdem dementierte Lu, das Ministerium hätte Wrackteile unter dem aufgestelzten Schienenweg verbuddelt oder versucht, Beweise für Fehler der Bahn zu vernichten. Das Entfernen jeglicher Wrackteile hätte nur „Rettungs- und Säuberungszwecken gedient.“

Ebenfalls verneinte das Ministerium Vorwürfe, es hätte den Familien der getöteten Passagiere eine Deadline gesetzt, um sie dazu zu bringen, bis vergangenen Samstag einen hohen Entschädigungsdeal zu akzeptieren. Die Gerüchte im Internet um das „Ultimatum“ entbehren jeder Grundlage, behauptete eine Stellungnahme auf der Webseite des Ministeriums. Internetnutzer hatten geschrieben, das Bahnministerium würde die Verhandlungen mit den betroffenen Opferfamilien einstellen, falls sie nicht bis Samstag einer bestimmten Summe zusagten.

Behördenangaben zufolge sollen bis gestern Nachmittag 19 Familien von getöteten Passagieren zugestimmt und die Kompensationsbedingungen der Regierung akzeptiert haben. Gerüchten zufolge wurden über 900.000 Yuan als Entschädigung für jeden Toten angeboten. Die Entschädigungssumme wurde am Freitag von ursprünglich angebotenen 500.000 Yuan um weitere 400.000 aufgestockt, nachdem Premier Wen den Unfallort besucht hatte. Zhejiang gilt, nach seinem BIP pro Kopf beurteilt, als eine der reichsten Provinzen Chinas.

Das verheerende Zugunglück, welches sich am vergangenen Samstag in Wenzhou in der Provinz Zhejiang ereignete, hatte 40 Tote und 192 Verletzte zur Folge. Doch dies allein ist nicht der Grund, warum sich die chinesische Bevölkerung über das Ministerium ärgert. Die mangelhaften Rettungsarbeiten und die, wie zahlreiche Blogger meinen, laschen Erklärungen des Vorfalls, heizten die Wut der Bevölkerung weiter an. Am Donnerstag kam Wen eigens zum Unfallort, um die Verletzten und Opferfamilien zu besuchen. Zudem traf er während der Inspektion mit in- und ausländischen Medienvertretern zusammen. Er sei erst sechs Tage nach dem Unglück nach Wenzhou aufgebrochen, weil er krank gewesen sei, so der 69-jährige im Interview.

Auf der Pressekonferenz sagte Wen anschliessend, dass der Staatsrat bereits eine eigene und damit unabhängige Gruppe gegründet habe, welche das Zugunglück untersuchen soll. Dadurch soll eine „überprüfbare Erklärung“ geliefert werden. Die verantwortlichen Personen würden streng bestraft. „Der ganze Prozess muss transparent sein und von der Bevölkerung und der Gesellschaft beaufsichtigt werden“, versprach Wen vor laufenden Kameras.

Anders als die Eisenbahnbehörde, die trotz zahlreicher „Pannen“ Chinas Hochgeschwindigkeitszüge lobte und die Technik sogar exportieren will, bewertete Wen das chinesische Prestigeprojekt kritischer: „Die Zuverlässigkeit der Hochgeschwindigkeitszüge kann nicht durch Propaganda bewiesen werden, sondern muss sich alleine in der Praxis zeigen.“ Der Premier hält den Unfall für eine Warnung, mehr Wert auf Sicherheit und Qualität zu legen. „Der Bau von Hochgeschwindigkeitszügen sollte Tempo, Qualität, Effizienz und Sicherheit vereinen, aber die Sicherheit sollte die höchste Priorität haben“, so Wen.

Zu den Rettungsarbeiten sagte der Vorsitzende des Staatsrates, nach dem Unfall hätten er und Regent Hu Jintao auf Anhieb die Zuständigen angewiesen, zuerst die betroffenen Fahrgäste zu retten. Ob die Eisenbahnbehörde wirklich nach dieser Richtlinie gehandelt habe, wollte Wen nicht beantworten. Er sagte stattdessen: „Diese Frage muss das Eisenbahnministerium wahrheitsgetreu beantworten“. Das Rettungspersonal mit den High-Tech-Ausrüstungen hatte bereits wenige Stunden nach dem Unfall kundgegeben, dass es in den zerstörten Waggons „keine Lebenszeichen“ mehr gebe. Doch gegen 17 Uhr am nächsten Tag wurde ein Mädchen lebend geborgen. 

Nach ersten Untersuchungen machten die chinesischen Behörden eine Signalanlage, die auf Grund eines Blitzeinschlags beschädigt wurde, für den Unfall verantwortlich. Hätte sie ordnungsgemäß beim Halten des ersten Zugs auf rot umgeschaltet, wären die beiden Züge nicht zusammengestoßen. Der Hersteller der Anlage, das Beijinger Eisenbahn-Forschungs- und Designinstitut für Leitsysteme und Kommunikation übernahm bereits die Verantwortung und entschuldigte sich auf seiner Webseite bei allen Betroffenen. Bei einem Presseevent, welches am Donnerstag stattfand, hatte der Direktor des Instituts jedoch fast keine Fragen beantworten können.

Der Leiter der neuen Sondergruppe für die Ermittlung des Unfalls, Luo Lin, teilte gestern mit, dass die genaue Ursache wohl erst Mitte September veröffentlicht werde könne.

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~ von oyukidaruma - 04/08/2011.

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