Chinesisches MITI will radikalen Umbau der chinesischen Milchindustrie

Das MITI (Ministry of International Trade and Industry) beginnt diese Woche damit die Lizenzen der Hälfte aller Großmolkereien und Firmen zur Herstellung von Milchprodukten einzuziehen, hunderten Einzelhändlern droht das Verbot zumVerkauf von Milchprodukten. Diese Aktion soll vom Nationalen Hauptamt für Qualitätskontrolle durchgeführt werden. Erst wenn die Neulizenzierung der Produkte durch das Hauptamt durchgeführt wurde, wird sich das MITI mit der Überwachung der Distributionswege, auf denen die Milch zum Konsumenten gelangt, befassen.

Anhaltende Qualitätsprobleme in der Milchindustrie und wachsende Unmut seitens der Bevölkerung sind die Ursache für diese drastischen Maßnahmen. 2008 kam es zum ersten grossen Skandal, der einigen Säuglingen das Leben kostete, und bei Tausende Kinder zu Nierenschäden führte. Im Mittelpunkt des Skandals stand kontaminiertes Milchpulver der Firma Sanlu; das Vertrauen der Konsumenten in einheimische Milchprodukte ist seitdem nachhaltig geschädigt. Während des Frühlingsfestes 2010 kauften die Konsumenten vorwiegend ausländisches Milchpulver, bei den Produzenten aus Hong Kong und Macaos führte dies zu Versorgungsengpässen.

Kenner werten die jüngsten Maßnahmen des Ministeriums als Versuch, die Milchindustriekette mit dem Ziel zu optimieren, das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen. Auf der Pressekonferenz des Nationalen Hauptamts für Qualitätskontrolle am 2. April teilte der Sprecher Li Yuanping mit, dass bis 31. März 643 von 1.176 Unternehmen eine Neulizenzierung erhalten haben; 107 Unternehmen wurden angewiesen, ihre Produktion zu verbessern, während 426 Unternehmen die Verkaufs- und Produktionslizenzen entzogen wurden. Die Überprüfung begann im September 2010, der Schwerpunkt lag dabei auf der Frage, wie sorgfältig die Unternehmen die Herkunft der Milch vom Erzeuger kontrollieren. Der Kuhstall als Ambiente der Milcherzeugung gilt allgemein als das schwächste Glied in der Milchindustriekette.

Laut Li Yuanping begann das MITI damit auf ihrer Webseite eine Liste der Unternehmen zu veröffentlichen, welche die Überprüfung erfolgreich absolviert haben. Die Webseite des Nationalen Hauptamtes für Qualitätskontrolle ist mit den Internetpräsentationen der Unterbehörden verlinkt. Jedermann kann also auf einfachem Weg die Listen einsehen. Laut Li sollen die Kontrollen auch nach der Überprüfung der Lizenzen beibehalten werden. Unternehmen, die ohne gültige Lizenz produzieren, sollen nach der neuen Gesetzeslage streng bestraft werden.

Das Nationale Hauptamt für Qualitätskontrolle gab am 28. März bekannt, dass nicht allein die Verarbeitungsbetriebe von Molkereiprodukten von den neuen Bestimmungen betroffen sind, sondern auch der Einzelhandel. Seit April sind neue Marktteilnehmer dazu verpflichtet, eine von zwei möglichen Lizenzen zu erwerben: die eine berechtigt zum Verkauf von Milchprodukten einschließlich Milchpulver für die Säuglingsernährung, die andere beschränkt den Handel auf die Distribution von Milchprodukten, die für erwachsene Konsumenten konzipiert sind. Wer zum Stichtag bereits im Handel mit Milchprodukten involviert ist, muss bis Juli 2011 einen Antrag hinsichtlich der Neuausrichtung seines Geschäfts einreichen.

Das MITI, das Nationale Hauptamt, das Ministerium für Binnenhandel und das Ministerium für Landwirtschaft bauen gemeinsam ein datenbankgestütztes Kontroll- und Verwaltungssystem auf, mit dem sich der Weg von Milchprodukten vom Erzeuger bis zum Konsumenten lückenlos nachvollziehen lässt. Unternehmen, die ihrer Nachweispflicht nicht nachkommen, oder Milchprodukte ohne Zertifizierung in den Handel bringen, werden verwarnt und im Wiederholungsfall mit der Aufhebung ihrer Lizenzen bestraft.

Nach Einschätzung des Internationalen Forschungsinstituts der Bank of China kann das neue Regelwerk dazu dienen, Lebensmittelskandale zu vermeiden und eine gesunde Entwicklung der Branche zu fördern. Das Vertrauen der Konsumenten in Milchprodukte chinesischer Herkunft ließe sich dadurch erhöhen. Milchpulver heimischer Produktion und Milchpulver aus dem Ausland haben jeweils rund fünfzig Prozent Marktanteil auf dem chinesischen Markt, wobei jedoch im Hochpreissegment die Nachfrage nach ausländischen Marken deutlich überwiegt. Die verstärkte Überwachung kann Milchproduzenten, deren Produktpalette auf die Durchschnitts- und Geringverdiener als Kunden zielt, zugute kommen.

Nach Statistiken des Hauptzollamts betrug das Außenhandelsvolumen von Milchprodukten von Januar bis November 2010 insgesamt 699 146,90 Tonnen. Der Anteil chinesischer Milchprodukte, die ins Ausland exportiert werden, ist verschwindend gering, während 95,59 Prozent (668 279,79 Tonnen) des gesamten Außenhandels der Branche als Import zu Buche schlägt. Der Analyst Chen Lianfang von Agricultural Consultant & BOABC erklärt, die Sanierung der Branche erfolge auf dem Verwaltungsweg durch unmittelbaren Eingriff der Regierung. Durch die Schließung von Hunderten von Betrieben wird ein Marktanteil von 20 Prozent, und rund 30 Prozent des insgesamt verfügbaren Rohstoffs Milch neu verteilt, was Großbetrieben entgegenkommen dürfte. Die Struktur der heimischen Milchwirtschaft wird durch diesen Eingriff stark verändert.

Ist nach der großen Sanierung auf die Sicherheit der Produkte jedoch Verlass? Chen ist der Meinung, dass die 643 Unternehmen, die die Überprüfung bestanden haben, hinsichtlich ihrer vorhandenen Hardware zwar für die Produktion qualifiziert seien, aber die Qualitätssicherung nach wie vor in den Händen der Unternehmen liegt. Das Verantwortungsgefühl der Betriebsleiter und jedes einzelnen Angestellten bestimmt die Sicherheit der Produkte. Außer klaren Vorteilen gibt es im Zuge der Sanierung natürlich auch negative Auswirkungen, die man nicht ignorieren kann: Die Schließung einer großen Zahl von Molkereien erschwert den Milchabsatz vieler Erzeuger. Milchwirtschaft wird in der Regel von Privatbesitzern von Viehbeständen betrieben, deren Existenz vom Verkauf der Milch abhängt. Zudem steigt durch die Schließung von Betrieben die Arbeitslosigkeit in der Branche. Die Schulden, die Betriebe vor ihrer Schließung angehäuft haben, müssen auch nach der Liquidation zurückgeführt werden. Ohne vernünftige Lösungsansätze können unternehmerische Probleme rasch zu sozialen Problemen auswachsen, was die gesellschaftliche Stabilität in Frage stellen würde.

Zhaos Linhai war einer dieser Aktivisten. Nachdem sein Sohn erkrankt war und er deswegen mit anderen Opferangehörigen eine Selbsthilfegruppe namens „Heimat für Nierensteinbabys“  gründete, auf der medizinische Hinweise sowie rechtliche Tipps im Kampf um Entschädigungszahlungen angeboten wurden, wurde er im Dezember 2009 verhaftet und wegen Störung der öffentlichen Ordnung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Im Zusammenhang mit dem Melamin-Skandal, der weltweite Rückrufaktionen von chinesischen Milchprodukten ausgelöst hatte, wurden 21 Angeklagte in einem öffentlichen Prozess für schuldig gesprochen worden. Zwei von ihnen wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Das Gericht verhängte außerdem für weitere Angeklagte Feldarbeit zwischen 5 und 15 Jahren.

Um die illegale Streckung von Milchpulver und anderen Milchprodukten durch bislang noch unbekannte Stoffe, aber auch Wasser, zu verdecken, wurde von chinesischen Molkereien und Babynahrungsherstellern dem Milchpulver Melamin zugesetzt. Der dadurch erhöhte Stickstoffgehalt täuscht einen höheren Proteinanteil vor, da die Bestimmung des Stickstoffgehalts nach Kjeldahl in der Lebensmittelanalytik als einfache, aber unspezifische Methode zur Ermittlung des Proteingehalts verwendet wird.

Quelle und Infos: Beijing Rundschau

Advertisements

~ von oyukidaruma - 28/04/2011.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: