Offener Brief an Fr. Blumencron: Tibetische Flüchtlingskinder

Liebe Frau Maria Blumencron, in Ihrem Buch „Auf Wiedersehen, Tibet“ beschreiben Sie, wie Sie seit fast 20 Jahren tibetischen Kindern zur Flucht in die „Freiheit“ verhelfen. Zudem kam im Jahre 2000 der Dokufilm „Flucht über den Himalaya” hinzu. Die Anfang des Jahres von Colin Goldner gegen Sie erhobenen Vorwürfe des Betruges lasten immer noch schwer auf Ihnen. Es wird Zeit das Sie hierzu klar Stellung beziehen. Doch erstmal von vorne: Durch eine TV Sendung über zwei angeblich auf der Flucht zu Tode gekommene tibetische Kinder, haben Sie beschlossen, sich selbst als „Flüchtlingshelferin” zu engagieren, besser noch: Die Welt auf die „Missstände“ im „besetzten“ Tibet aufmerksam zu machen.

Colin Goldners Vürwürfe lasten schwer: So sollen Sie ohne eigene Kenntnisse von den politischen und sozialen Zusammenhängen in Tibet – Sie beziehen sich bis heute im Wesentlichen auf die Propagandaklischees und -behauptungen des Dalai Lama und seiner Exilregierung-, ohne Kenntnis der tibetischen Sprache und vor allem: ohne die mindeste journalistische oder filmemacherische Ausbildung oder Erfahrung, gelang es Ihnen mit Hilfe eines befreundeten Redakteurs und einer Handvoll zusammengebastelter Urlaubsphotos aus Lhadak, einen Auftrag des ZDF an Land zu ziehen: die filmische Dokumentation der Flucht tibetischer Kinder über den Himalaya.

Laut Klapppentext Ihres drei Jahre später erschienenen Buches zum Film kämpften sich „rund tausend tibetische Kinder jedes Jahr über die eisigen Pässe des Himalaya. Ihr Ziel: die Schulen des Dalai Lama in Nordindien. Dort, so hoffen ihre Eltern, erwartet sie eine bessere, freie Zukunft. Für viele der kleinen Flüchtlinge ist es ein Abschied für immer.” Sie hätten „sechs Kinder auf ihrer Flucht begleitet”, deren Geschichte stellvertretend stehe für die „Geschichte tausender tibetischer Kinder”: „Schlecht ausgerüstet, mit Turnschuhen und gerade soviel Proviant, wie sie tragen können, ziehen sie (…) über einen fast sechstausend Meter hohen Pass im Himalaya. Die Kinder können manchmal kaum weiter, kämpfen mit dem Schnee, mit Hunger und Erschöpfung und weinen vor Heimweh (…). Immer wieder bleiben Kinder im ewigen Eis zurück, gestorben an Erschöpfung und Kälte.”

Goldner vermutet das es nie zu der von Ihnen beschriebenen Begegnung mit den Kindern auf dem Grenzpass kam. Er nimmt an, dass diese Geschichte erfunden ist, so wie die Geschichten Ihres geschätzen Kollegen und Pro-Tibet-Aktivisten Dieter Glogowski, der schon seit Jahren mit Lichtbildervorträgen über tibetische Flüchtlingstrecks unterwegs ist und dem Anfang 2008 durch das ARD-Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“, nachgewiesen wurde, dass eine Photodokumentation über die dramatische Flucht zweier Kinder, die er seiner Multivisionsschau „Tibet: Flucht vom Dach der Welt” und einem gleichnamigen Bildband zugrundegelegt hatte, inszeniert war!

Auch Sie Fr. Blumencron haben oft darauf hingewiesen, dass Sie „einige Namen, Orte und Zeiträume zum Schutz der in Tibet lebenden Menschen verändert” haben. Zudem haben Sie sich die „literarische Freiheit genommen, sehr komplexe und langwierige Ereignisse lesbar zu gestalten”. Goldner recherchierte das Sie im Solu-Khumbu-Gebiet beziehungsweise im Sagarmatha-Nationalpark im grenznahen Nordostnepal unterwegs gewesen sein müssen, um ihren Geschichten Lokalkolorit und damit den Anschein des Authentischen verleihen zu können; er suggestiert das Sie vielleicht auf dem beschriebenen Nangpala-Pass, den zu begehen allerdings weder hochalpine Fähigkeiten erfordert noch eine besondere Gefahr für Leib und Leben bedeutet, – es handelt sich um einen seit zig Generationen von Grenznomaden genutzten und entsprechend ausgetretenen Karawanenpfad -, wie überhaupt die Solu-Khumbu-Region mit dem Mount Everest und besagtem Nangpala-Pass zu den touristisch am besten erschlossenen Wander- und Trekkinggebieten des gesamten Himalayaraumes zählt: Hier kann man sich bequem von Kathmandu aus mit dem Kleinflugzeug nach Lukla hinauffliegen lassen. Den Namen der Passhöhe, den Sie heroisch erklommen haben, wollen Sie auch auf Anfrage nicht nennen. Ein kurzer Blick auf eine Karte Ostnepals zeigt, dass es im Grenzgebiet des Solu-Khumbu nur den Karawanenpass des Nangpala gibt.

Hier meine lieben Kollegen muss ich aber feststellen, dass: Jeder Tibeter und jede Tibeterin jederzeit und ohne Weiteres einen Reisepass der chinesischen Behörden für eine Reise ins Ausland erhalten kann. Es ist ein Leichtes, mit dem Bus etwa von Lhasa nach Kathmandu und von dort aus weiter nach Dharamsala in Nordindien oder sonstwohin zu fahren. Wer, aus welchem Grunde immer, Tibet verlassen will, ist keineswegs auf heimliche Flucht angewiesen. Selbst einer der ranghöchsten Repräsentanten des Dalai Lama, Kelsang Gyaltsen, gab des öfteren zu, dass Tibeter problemlos von Tibet aus- und nach Tibet einreisen könnten: „Seit 1979 können die Exil-Tibeter ihre Verwandten in Tibet besuchen und umgekehrt. Im Laufe der letzten Jahre waren viele Exil-Tibeter zu Besuch in Tibet und viele Tausende von Tibetern aus Tibet sind zu Pilgerreisen nach Indien gekommen.” Allein zu einer öffentlichen Ritualveranstaltung des Dalai Lama Anfang 2006, so bestätigte sogar die International Campaign for Tibet, seien 7.000 Pilger aus Tibet nach Nordindien gekommen. Golder hält fest: In einem offenbar unbedachten Schlussabsatz Ihres Buches räumen Sie selbst Pilgerströme ein, die ihre Geschichten heimlicher Fluchtnotwendigkeit letztlich als Farce entlarven: Zum Neujahrsfest kämen alljährlich „besonders viele Tibeter über die Berge. Nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Pilger, die sich vom Dalai Lama für das Neue Jahr segnen lassen wollen.” Was soll das bedeuten?

Ich fasse zusammen und schaue mir den Atlas an: Zwei ihrer Flüchtlingskinder seien von ihren Eltern aus Westtibet – genauere Angaben gibt es nicht – nach Lhasa und von dort über besagten Nangpala-Pass nach Kathmandu „geflohen”, bis sie letztlich via NeuDelhi nach Dharamsala zu dem „Gottkönig” gekommen seien: 6.000 Kilometer sind das, ohne Geld, ohne Proviant und in billigen chinesischen Turnschuhen. Tausend Kinder, so bezeugen Sie, kämen pro Jahr auf diese Weise nach Dharamsala, hinzu kämen zumindest tausend erwachsene Flüchtlinge, Mönche und Nonnen vor allem, die der gnadenlosen Unterdrückung in ihrer Heimat zu entfliehen suchten….

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Als letztes sollten man auf folgendes aufmerksam machen: Da ein Überqueren der Himalayapässe nur in den Wintermonaten möglich ist – im Frühjahr und Sommer taut der Schnee tagsüber zu unpassierbarem Matsch auf -, müssten, wären Ihre Geschichten und die Glogowskis’s wahr, täglich mehrere Flüchtlingstrecks auf heimlichem Pfade Tibet verlassen.  Alle über den Nangpala, und alle unentdeckt von den chinesischen Grenzbehörden…

Sie sollten zu diesen Themen endlich und eindeutig Stellung beziehen, ebenso wie zu den Vorwürfen Goldners Sie hätten Spendegelder an tibetische Kinder veruntreut. Es wird Zeit reinen Tisch zu machen!

Quelle: Colin Goldner / Humanistischer Pressedienst: http://hpd.de/

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~ von oyukidaruma - 17/06/2009.

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